18. 07. 2015 Blog

Wie viel ist Inhalt heute wert?

Das Zeitalter des Internets hat unsere Wahrnehmung der Welt und auch unser Konsumverhalten revolutioniert.

So einfach wie bei keinem anderen Medium können mit nur einem einzigen Klick unsere Flüge gebucht, Lebensmittel eingekauft oder Dateien versendet werden. Schon längst haben wir uns daran gewöhnt, mit unseren Freunden via Smartphone Kontakt zu halten und unsere Tablets zum Verfolgen von internationalen Nachrichten zu nutzen. Geld für die Papierversion der lokalen Zeitung oder für eine neue CD auszugeben, wird mittlerweile als überholt angesehen. Schließlich bieten uns Online-Plattformen und Musikdienste die Möglichkeit, bequem von Zuhause aus auf dem Laufenden zu bleiben und unsere Lieblingssongs zu hören – und zwar komplett kostenfrei.

 

Eben jene Online-Anzeigen haben sich jedoch zum Störfaktor Nummer eins unter Internetnutzern entwickelt. Permanent sind wir gezwungen, fünf bis zwanzig scheinbar niemals endende Sekunden voll von Informationen über Produkte und Programme abzusitzen, an denen wir in den meisten Fällen kein Interesse haben und die wir aus eben diesem Grund auch nicht erwerben werden. Zur Bekämpfung dieses Problems hatten Internetexperten die Idee zur Entwicklung einer Software, die Anzeigen auf einer Webseite entfernt und so dem Benutzer den gewünschten Inhalt ohne Verzögerungen zugänglich macht.

Das populärste dieser Programme, passenderweise Adblock Plus genannt und nach eigenen Angaben von rund 60 Millionen Menschen weltweit genutzt, beharrt entschieden darauf, dass Menschen die Freiheit haben sollten, zu blockieren, was sie nicht mögen. Unter einigen Gesichtspunkten ist dies durchaus sinnvoll. Nutzer, die häufig Werbeanzeigen blockieren, profitieren von schnelleren Ladezeiten, niedrigerer Prozessor- und Speicherplatznutzung sowie erhöhter Privatsphäre und Sicherheit beim Surfen im Internet. Adblocker sind mittlerweile so etabliert, dass fast jeder Webbrowser seine eigene Version eines solchen Programms verwendet. Damit haben Nutzer die Möglichkeit, Inhalte, die sie nie sehen wollen, auf die „Blacklist“ und jene, die sie als akzeptabel erachten, auf die „Whitelist“ zu setzen.

 

Vor allem der Sicherheitsaspekt ist oft ein Grund für die Nutzung von Adblockern. Im jährlichen Sicherheitsreport von Cisco aus dem Jahr 2013 wurde herausgefunden, dass Online-Anzeigen mit einer 182 Mal höheren Wahrscheinlichkeit einen Virus verursachen, als die Suche nach pornografischen Seiten im Internet. Innerhalb der gleichen Studie wurde ein im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent erhöhtes Aufkommen von Android Schadsoftware festgestellt.

 

Um zu vermeiden, dass alle Anzeigen gleichermaßen blockiert werden, hat Adblock Plus das „Acceptable Ads Program“ kreiert. Dies ermöglicht es zugelassenen Anzeigen, bei Einhaltung strikter Richtlinien und bei Bestehen diverser Prüfungen auf der sogenannten „Whitelist“ eingetragen zu werden. Verständlicherweise ist dies das kontroverseste Geschäftsmodell seiner Art, da Unternehmen, die es schaffen den zweiteiligen Test zu bestehen, großzügig mit der Platzierung auf der Whitelist belohnt werden, die jedoch vom Nutzer jederzeit deaktiviert werden kann.

 

Anzeigen, welche die Zulassung durch das Programm anstreben, müssen statisch sein, ohne Animationen oder Ton und vorzugsweise rein aus Text bestehen, da aufmerksamkeitserregende Bilder die Richtlinien der Software verletzen. Zudem müssen die Werbeanzeigen angemessen auf Websites platziert sein, ohne andere Inhalte zu verdecken oder zu verschleiern.

 

Werbetreibende reagieren verärgert auf Softwareprogramme wie Adblocker. Da die Kosten für Werbeanzeigen pro Klick oder pro 1000 Klicks berechnet werden, zahlen Unternehmen meistens ungeachtet der Tatsache, dass Werbeinhalte aufgrund der Blocker überhaupt nicht beim Nutzer ankommen. In Kombination mit dem hohen Kostenaufwand für die Positionierung eines Inhaltes auf einer „Whitelist“ erweisen sich solche Ausgaben als sehr kostenintensiv für Unternehmen. Für kleine Start-Ups sind die Kosten nahezu untragbar.

 

Was bei der Diskussion zwischen Aktivierung und Deaktivierung eines Adblockers oft nicht genug Beachtung findet, ist die Perspektive des Konsumenten. Das Ziel eines jeden Werbetreibenden sollte eine für den Konsumenten relevante und interessante Platzierung von Werbeanzeigen sein. Zum Nachteil der Internetgemeinschaft ist es auch im Jahr 2015 noch immer nicht möglich, Anzeigen auf den einzelnen Nutzer zuzuschneiden. Die Folge sind irrelevante und störende Anzeigen, welche die freie Sicht auf Webseiten, Videos, etc. versperren. Ein Grund für die anhaltende Beliebtheit von Adblockern.

 

Das Interactive Advertising Bureau(IAB) der USA hat eine klare Einstellung gegenüber diesem Thema formuliert. Demnach stellen Adblocker ein enormes wirtschaftliches Problem für die Industrie dar. Nachteilige Auswirkungen für Internetnutzer könnten die Folge sein. Als logischen Entwicklungsschritt könnte es so schon bald Internetseiten geben, die Adblock-Nutzern den Zugriff auf gewünschte Inhalte verweigern. Als Ausgleich für die verloren gegangenen Einnahmen, haben einige Websites schon damit begonnen, sogenannte Bezahlschranken einzurichten, die dem Nutzer erst nach Tätigung einer Zahlung Zugriff auf die Internetseite gewähren.

 

Auch die deutschen Verlage sind sich der Gefahren blockierter Werbung bewusst. Auch sie sind bei der Finanzierung ihres kostenfreien Onlineangebots auf die Einnahmen aus Werbeanzeigen angewiesen. So riefen 2013 Spiegel Online, FAZ, die Süddeutsche Zeitung sowie Zeit Online und weitere Nachrichtenportale in einer gemeinsamen Kampagne ihre Leser zur Abschaltung von Adblockern auf. In der Folge häuften sich jedoch Leserkommentare über störende blinkende Anzeigen, die nach Abschalten des Adblockers ein angenehmes Lesen unmöglich machten und dazu führten, dass die Adblocker wieder aktiviert wurden. Zudem wurden sogar User, die zu diesem Zeitpunkt noch keinen Adblocker nutzten, auf die Problematik aufmerksam und die Download-Zahlen von Adblock Plus stiegen in der Folge weiter an.

 

Da die Gesellschaft es gewohnt ist, Internetmedien kostenfrei zu konsumieren, sind Werbetreibende durch Unternehmen wie Adblocker „bedroht“, wenn sie die Online-Konsumenten erreichen wollen. Während wir uns über Werbeanzeigen und Pop-Ups beschweren, realisieren wir nicht, dass eben diese Werbeanzeigen die Basis für kostenlose Online-Inhalte darstellen. Durch ihre Abschaffung werden Unternehmen in Zukunft dazu gezwungen sein, Gebühren auf Service zu erheben, den wir täglich nutzen und es dabei gewohnt sind, dies kostenlos zu tun.

 

In einem Zeitalter, in dem sich das Marketing zunehmend auf Online-Plattformen verlagert, können sich Werbetreibende keine erfolglosen Marketingstrategien leisten. Wie bei jeder geschäftlichen Transaktion muss auch in diesem Fall eine Form der Bezahlung stattfinden. Da das Internet weiterhin die Herrschaft über alle anderen Formen des Content Sharings innehat, müssen Nutzer die Entscheidung treffen, ob sie lieber ihre Zeit für das Anschauen von Werbeanzeigen oder ihr Geld zur Finanzierung von Inhalten aufopfern wollen und welchen Preis sie bereit sind dafür zu zahlen.